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Die Weichen für den ÖPNV werden am Binger Schlag gestellt

Von Pro Mainzelbahn am 9. April 2010

Pressemitteilung der Straßenbahnfreunde Mainz e.V.

Die Weichen für den ÖPNV werden am Binger Schlag gestellt
Jetzt gilt es zuzugreifen. Es ist die letzte Chance für die Stadt Mainz

Seit den 1970er Jahren wird über den Ausbau des Mainzer Straßenbahnnetzes  diskutiert. 1993 hatte der Stadtrat beschlossen, dass künftig die Grundlast des ÖPNV auf der Schiene liegen soll. Dabei stand der neue Stadtteil Lerchenberg immer wieder im Fokus. Wären die damaligen Pläne umgesetzt worden, hätte Mainz zur Avantgarde des ÖPNV in Deutschland gehört. Jetzt kämpft Mainz darum, den Anschluss nicht zu verlieren.

Drei Faktoren sprechen für den Ausbau des ÖPNV:

  • Die Endlichkeit der fossilen Brennstoffe (Kohle, Öl, Gas)
  • Die internationalen Klimaziele (Reduzierung des CO2 –Ausstoßes)
  • Die demografische Entwicklung (Zunahme der über 65-Jährigen)

Dabei ist die Straßenbahn dem Bus eindeutig überlegen: Lange Lebensdauer, Nutzung erneuerbarer Energie, kein Schadstoffausstoß, große Kapazität und hoher Komfort. Die ältesten in Mainz im Linienverkehr eingesetzten Busse sind 13 Jahre alt, während auf der Schiene noch 35 Jahre alte Trams ihren Dienst verrichten. Bei der Sanierung der ein-
gleisigen Bretzenheimer Strecke im Jahre 2003 wurde 75 Jahre alter Oberbau aus-
getauscht. Beides ist ein Beitrag zur Nachhaltigkeit. Darmstadt betreibt seine Straßen-
bahnen ausschließlich mit Ökostrom. Trams werden von den Fahrgästen besser angenommen als Busse und U-Bahnen. Man spricht von einem Straßenbahnbonus. Ein attraktiver ÖPNV ist für die Stadt ein Standortvorteil sowohl hinsichtlich des Einzelhandels als auch bei der Ansiedlung neuer Unternehmen und der Auswahl des Wohnortes.

Es war eine kluge Entscheidung, die Straßenbahn in den 1960er Jahren nicht ganz abzuschaffen. Die Stadtteile, die von der Straßenbahn bedient werden, möchten die Tram nicht gegen einen Bus eintauschen. Jedoch werden heute Einrichtungen, die für den ÖPNV prädestiniert sind, wie die Universität mit 35.000 Studenten und 3.350 Beschäftigten, die neue Fachhochschule mit 2.000 Studenten, von der Tram links liegen gelassen. Die Einwohner des in den 1960er Jahren erbauten Stadtteils Lerchenberg kommen ins Rentenalter und die Neubaugebiete mit jungen Familien in Bretzenheim-West und Marienborn werden mit einer Straßenbahn optimal an die Innenstadt angebunden. Die vorliegende Studie zeigt ganz klar, dass sich die Investition von 70 Mio. € rechnet. Der Nutzen ist um ein Viertel höher als die Kosten. Eine Rendite, die auch Banker ins Schwärmen kommen lässt. Und es ist die letztmalige Gelegenheit, Fördermittel von Bund (36 Mio. €) und Land (12 Mio. €) zu bekommen. Den Rest können die Stadtwerke selbst stemmen, so dass das Projekt den prekären städtischen Haushalt nicht belastet.

Die erste Straßenbahnneubaustrecke nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1946 auf Befehl der französischen Besatzungsmacht vom Binger Schlag zur neu gegründeten Universität errichtet. Leider wurde sie zehn Jahre später in deutscher Souveränität wieder eingestellt.

Auch heute ist Frankreich wieder Vorreiter des ÖPNV. Mitte der 1970er Jahre hatten nur noch drei französische Städte ein Straßenbahnnetz. Inzwischen sind es wieder 17 Städte, darunter auch Paris. Sechs weitere Städte befinden sich in der Planungs- bzw. Bauphase, darunter unsere Partnerstadt Dijon (Investitionsvolumen 400 Mio. €). Präsident Sarkozy verkündete bei seinem Amtsantritt, weitere 1.500 km Straßenbahn bauen zu wollen.

Die von Studien prognostizierten Fahrgastzahlen werden in der Praxis regelmäßig weit übertroffen. Das bedeutet, dass der Individualverkehr und damit Lärm, Abgase und  Staus signifikant reduziert werden. „Die Straßenbahn ist die städtebauliche Idee des Jahrhunderts“ so Alain Chenard, ehemaliger Oberbürgermeister von Nantes, der ersten französischen Stadt, die die Tram reanimierte.

In den 1960er Jahren plante man die autogerechte Stadt. Da störte die Tram nur. Der Bus war gerade einmal geduldet. Reste dieses Wahns lassen sich noch heute in Form der Hochstraße zwischen Zwerchallee und Römerwall besichtigen. Täglich 1.000 Busse zur Universität, und es werden künftig wegen der neuen Fachhochschule und des neuen Stadions noch mehr werden, überschreiten das Maß des Erträglichen. Leider sieht man die Abgase normalerweise nicht, jedoch sind die Straßenschäden z.B. am Münsterplatz regelmäßig zu bestaunen. Wer sich einmal – gleich zu welcher Tageszeit – in einen vollbesetzten Bus der Linie 6 gequetscht hat, wird den Komfort und die Laufruhe der Straßenbahn zu schätzen wissen. Skeptikern empfehlen die Straßenbahnfreunde eine kleine Pause im Naturschaugarten an der Lindenmühle zu machen und den vorbeifahrenden Straßenbahnen zu lauschen!

Welchen Rat gibt der Verein den von den Umbaumaßnahmen unmittelbar betroffenen Anwohnern? Fordern Sie einen Streckenbau auf dem neuesten Stand der Technik: Flüstergleise, bewässerte Rasengleise, eleganter Oberleitungsbau, optimale Platzierung der Haltestellen. An die Adresse der Mainzer Verkehrs-gesellschaft geht die Aufforderung zu einer umfassenden Information aller Betroffenen, nicht nur während des Planfeststellungsverfahrens, sondern auch während der gesamten Bauzeit.

Straßenbahnausbau ist in der heutigen Zeit immer eine Erfolgsgeschichte. Ertragen wir alle die Unannehmlichkeiten der Bauphase, um anschließend einen modernen ÖPNV nutzen zu können. Auch Autobahnen werden nicht über Nacht gebaut. Und die Mainzelbahn dürfte schneller auf die Schienen kommen als der Autoverkehr der A 60 in den Tunnel.

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Veröffentlicht in Stimmen der Presse | unter Stichwort Mainz, Presse, Pressemitteilung, Straßenbahnfreunde

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